ETAPPE 4

Etappe 4: San Martino di Castrozza – Possagno

Auch an Tag 4 bekommt der Teil des Gehirns, der für das fotografische Gedächtnis zuständig ist, viel zu tun. Zumindest wird der dahingehend gefordert, völlig unterschiedliche Landschaften in den richtigen Kontext zu bringen. Vom Bergdorf am Fuße der 3000-Meter-Plus-Wolkenkratzer der Pale di San Martino führt die Strecke in nur wenigen Stunden dahin, wo die Trauben für den Prosecco gedeihen. Das sind zwei Welten, optisch, kulturell, klimatisch – diese Etappe ist eine kleine Transalp in sich. Possagno räkelt sich auf nur noch 200 Metern überm Meer an den Südrand des Monte-Grappa-Massivs in der Sonne.

Auf dem Weg dorthin stellen sich aber noch der Passo Brocon mit dem kleinen vorgelagerten Passo Gobbera und besagter Monte Grappa in den Weg. Deshalb sind auch die Beine wieder besonders gefordert bei diesem zweiten 3000-Höhenmeter-Plus-Kracher dieser Transalp. Der Passo Gobbera führt hinüber ins Valle de Vanoi und besteigt mit einer kurzen Abfahrt die erste Stufe auf dem Weg zum Passo Brocon. Hier kann man kurz verschnaufen, bevor sich fast 900 Höhenmeter Pass-Straße vor einen stellen. Vom Pass rollt man zügig hinab nach Castello Tesino und schlägt sich auf Seitenstraßen durch abgelegene Bergdörfer durch bis zur Hauptstraße in der Schlucht des Flusses Cimon, die sich bald bei Fonzaso in eine weitläufige Ebene öffnet. Und die auch gleich den Blick zum bewaldeten Rücken des Monte Grappa freigibt. Die nordseitige Auffahrt führt auf weiten Teilen im Wald – sehr angenehm bei Sommerhitze – in Richtung des Cima Grappa, des Gipfels der mit einem mächtigen Denkmal für die Opfer des ersten Weltkrieg gekrönt ist. Angekommen an der Südflanke, nach einer 1500-Höhenmeter-Kletterpartie, bietet sich bei klarer Luft ein Blick bis zur Adria, wenn er nicht von Schwärmen von Paraglidern versperrt wird, die diesen Südhang längst für sich entdeckt haben. Die Abfahrt ist ein kurviger Hochgenuss, der den konzentrierten Blick auf die Straße erfordert. Aber hie und da auch Zeit bietet, den einzigartigen Weitblick zu genießen. Am Fuße des Monte Grappa angekommen, führt die Strecke in Richtung Osten am Fuße des Berges über Crespano del Grappa, das bereits mehrfach Etappenort der Transalp war, bis nach Possagno, das 2020 bereits als Ziel der Transalp geplant war, die aber aus bekannten Gründen leider abgesagt werden musste.

Das Etappenziel in Possagno ist optisch außergewöhnlich und zudem ein kulturelles Highlight. Antonio Canova, geboren in Possagno, war ein bedeutender Bildhauer des Neoklassizismus im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Nach seinen Ideen und Entwürfen wurde über dem Ort der Tempio Canova erbaut, ein imposanter Rundbau mit klassizistischer Säulenfassade, der einem aus der Ebene schon von Weitem ins Auge sticht. Davor ein großer, freier Platz, ideal für das Ziel der Transalp. Und ideal, die Weite der Hügellandschaft südlich des Monte Grappa auf sich wirken zu lassen. Auch einen Blick darauf zu werfen, wo es am nächsten Tag entlang geht. Aber dazu später mehr.

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